Elias & Laia - Die Herrschaft der Masken - Band 1

Elias & Laia - Die Herrschaft der Masken - Band 1

von: Sabaa Tahir

Parkstone-International, 2015

ISBN: 9783732506163

Sprache: Deutsch

544 Seiten, Download: 1405 KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

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Elias & Laia - Die Herrschaft der Masken - Band 1



I: LAIA

Mein großer Bruder kehrt heim in den dunklen Stunden vor der Morgendämmerung, in denen sogar die Geister ruhen. Er riecht nach Stahl und Kohle und Schmiede. Er riecht nach dem Feind.

Als er seinen vogelscheuchendünnen Körper durch die Fensteröffnung schiebt, verursachen seine bloßen Füße keinerlei Geräusch auf den Schilfmatten. Ein heißer Wüstenwind fährt mit ihm herein, und die schlaffen Vorhänge rascheln. Sein Zeichenheft fällt zu Boden, rasch schiebt er es mit dem Fuß unter sein Schlaflager, als wäre es eine Schlange.

Wo warst du, Darin? In meinem Kopf habe ich den Mut zu fragen, und Darin vertraut mir genug, um zu antworten. Warum verschwindest du immer wieder? Warum, wenn doch Großvater und Nana dich brauchen? Wenn doch ich dich brauche?

Seit fast zwei Jahren will ich ihm jede Nacht diese Fragen stellen. Und jede Nacht wieder fehlt mir der Mut dazu. Ich habe nur noch diesen Bruder. Ich will nicht, dass er mich ausschließt wie alle anderen.

Aber heute Nacht ist es anders. Ich weiß, was in seinem Zeichenheft steht. Ich weiß, was es bedeutet.

»Du solltest nicht mehr auf sein.« Darins Flüstern reißt mich aus meinen Gedanken. Er besitzt so etwas wie einen siebten Sinn, den man normalerweise Katzen nachsagt – das hat er von unserer Mutter. Ich setze mich auf meinem Lager auf, als er die Lampe entzündet. Es hat ja doch keinen Sinn mehr, so zu tun, als würde ich schlafen.

»Es ist Ausgangssperre, und es sind schon drei Streifen vorbeigekommen. Ich habe mir Sorgen gemacht.«

»Ich weiß, wie ich den Soldaten aus dem Weg gehen muss, Laia. Ich habe viel Übung.« Er stützt das Kinn auf mein Lager und lächelt Mutters liebes, schiefes Lächeln. Dieser vertraute Blick – den er immer für mich hat, wenn ich aus einem Albtraum erwache oder wenn uns das Korn ausgeht. Alles wird gut, sagt dieser Blick.

Er nimmt das Buch hoch, das auf meinem Bett liegt. »Nächtliche Versammlung«, liest er. »Gruselig. Wovon handelt es?«

»Ich habe gerade erst angefangen. Es geht um einen Dschinn …« Ich unterbreche mich. Schlau. Sehr schlau. Er hört genauso gern Geschichten, wie ich sie erzähle. »Vergiss es. Wo warst du? Großvater hatte heute Morgen ein Dutzend Patienten.«

Und ich bin für dich eingesprungen, weil er so viele allein nicht schafft. Weshalb Nana die Marmelade für den Kaufmann selbst einkochen musste. Nur, dass sie nicht fertig geworden ist. Jetzt wird der Händler uns nichts zahlen, und wir werden im Winter hungers sterben, und gütiger Himmel, warum kümmert dich das eigentlich nicht?

All das sage ich nur im Geiste. Das Lächeln ist Darin schon aus dem Gesicht gefallen.

»Ich bin nicht zum Heilen geschaffen«, sagt er. »Großvater weiß das.«

Ich will schon einlenken, doch da fallen mir Großvaters hängende Schultern von heute Morgen ein. Ich denke an das Zeichenheft.

»Großvater und Nana verlassen sich auf dich. Rede wenigstens mit ihnen. Das geht doch schon Monate so.«

Ich warte darauf, dass er sagt, ich würde das nicht verstehen. Ich solle ihn in Ruhe lassen. Aber er schüttelt nur den Kopf, lässt sich auf sein Lager fallen und schließt die Augen, als hätte er keine Lust zu antworten.

»Ich habe deine Zeichnungen gesehen.« Die Worte sprudeln einfach so aus meinem Mund, und Darin fährt sofort hoch. Sein Gesicht ist wie versteinert. »Ich habe dir nicht nachspioniert«, sage ich. »Eines der Blätter ist herausgefallen. Ich habe es gefunden, als ich heute Morgen die Schilfmatten gewechselt habe.«

»Hast du Nana und Großvater davon erzählt? Haben sie es gesehen?«

»Nein, aber –«

»Laia, hör zu.« Zur Hölle, ich will das nicht hören. Ich will nicht hören, welche Ausflüchte er gleich vorbringt. »Was du gesehen hast, ist gefährlich«, sagt er. »Du darfst niemandem davon erzählen. Niemals. Nicht nur mein Leben steht auf dem Spiel. Auch andere –«

»Arbeitest du für das Imperium, Darin? Arbeitest du für die Martialen?«

Er schweigt. Ich glaube, die Antwort in seinen Augen zu sehen, und mir wird schlecht. Kann es sein, dass mein Bruder ein Verräter am eigenen Volk ist? Dass er auf der Seite des Imperiums steht?

Wenn er Korn beiseitegeschafft oder Bücher verkauft oder Kindern das Lesen beigebracht hätte, würde ich es verstehen. Ich wäre stolz auf ihn, dass er all das tut, wozu ich nicht mutig genug bin. Wegen solcher »Verbrechen« überfallen die Schergen des Imperiums Menschen, werfen sie ins Gefängnis und töten sie. Dabei ist es nicht böse, einer Sechsjährigen das Lesen beizubringen – nicht für meine Leute, die Kundigen. Doch was Darin getan hat, ist krank. Es ist Verrat.

»Das Imperium hat unsere Eltern umgebracht«, flüstere ich. »Und unsere Schwester.«

Ich möchte ihn anschreien, aber ich verkneife es mir. Die Martialen haben das Land der Kundigen vor fünfhundert Jahren erobert und seither nichts anderes getan, als uns zu unterdrücken und zu versklaven. Einst war unser Land Heimstatt der besten Universitäten und Bibliotheken der Welt. Heute können die meisten von uns eine Schule nicht von einer Waffenkammer unterscheiden.

»Wie konntest du dich nur auf die Seite der Martialen schlagen? Wie, Darin?«

»Es ist nicht so, wie du denkst, Laia. Ich werde dir alles erklären, aber –«

Plötzlich bricht er ab; er reißt die Hand hoch, um mir zu bedeuten, still zu sein, als ich nach der versprochenen Erklärung fragen will. Den Kopf hat er in Richtung Fenster gedreht.

Durch die dünnen Wände höre ich, wie Großvater schnarcht, Nana sich herumwälzt und eine Trillertaube gurrt. Es klingt vertraut. Es klingt nach zu Hause.

Darin hört etwas anderes. Alles Blut weicht aus seinem Gesicht, und Angst flackert in seinen Augen auf.

»Laia«, sagt er. »Ein Überfall.«

»Aber wenn du für das Imperium arbeitest …« Warum durchsuchen die Soldaten dann unser Haus?

»Ich arbeite nicht für sie.« Er klingt ruhig. Ruhiger, als ich mich fühle. »Versteck das Zeichenheft. Das ist es, was sie suchen. Deshalb sind sie hier.«

Dann ist er zur Tür hinaus, und ich bin allein. Meine nackten Beine fühlen sich wachsweich an, meine Hände wie Holzklötze. Beeil dich, Laia!

Normalerweise führt das Imperium seine Überfälle bei helllichtem Tage durch. Die Soldaten wollen, dass die Mütter und Kinder der Kundigen, die Väter und Brüder zusehen, wie die Familie eines anderen Mannes in die Sklaverei getrieben wird. So schlimm diese Überfälle sind, die nächtlichen sind noch schlimmer. Sie finden statt, wenn das Imperium keine Zeugen gebrauchen kann.

Ich überlege, ob das hier wirklich ist. Oder ein Albtraum. Es ist wirklich, Laia. Mach schon.

Ich werfe das Zeichenheft aus dem Fenster in eine Hecke. Es ist ein armseliges Versteck, aber ich habe nicht mehr Zeit. Nana humpelt in mein Zimmer. Ihre Hände, die so ruhig sind, wenn sie die Marmelade in den Fässern umrührt oder mir die Haare flicht, flattern wie verzweifelte Vögel, als sie mich antreibt, mich zu beeilen.

Sie zerrt mich auf den Gang. Mein Bruder steht mit Großvater an der Hintertür. Die weißen Haare meines Großvaters sind zerrupft wie ein Heuhaufen, seine Kleidung ist zerknautscht, aber in den tiefen Furchen seines Gesichts ist keine Spur von Schläfrigkeit zu erkennen. Er raunt meinem Bruder etwas zu und gibt ihm dann Nanas größtes Küchenmesser. Ich weiß nicht, warum er sich überhaupt die Mühe macht. Am Serrastahl einer Martialenklinge wird das Messer einfach zerbrechen.

»Du und Darin geht durch den Hinterhof«, sagt Nana, während ihr Blick von Fenster zu Fenster huscht. »Sie haben das Haus noch nicht umstellt.«

Nein. Nein. Nein. »Nana.« Ich hauche ihren Namen und stolpere, als sie mich zu Großvater schubst.

»Versteckt euch am Ostende des Quartiers …« Sie verschluckt das Ende des Satzes, den Blick auf die Fenster geheftet. Durch die zerlumpten Vorhänge hindurch erhasche ich das Aufblitzen eines flüssigen Silbergesichts. Mein Magen krampft sich zusammen.

»Eine Maske«, sagt Nana. »Es ist eine Maske dabei. Geh, Laia. Bevor er hier ist.«

»Was ist mit dir? Und Großvater?«

»Wir halten sie auf.« Großvater schiebt mich sanft zur Tür hinaus. »Hüte deine Geheimnisse, meine Kleine. Hör auf Darin. Er wird sich um dich kümmern. Geh jetzt.«

Darins hagerer Schatten fällt auf mich; er packt meine Hand, als sich die Tür hinter uns schließt. Er bückt sich, um in die warme Nacht abzutauchen, und bewegt sich mit einer Zuversicht, die ich auch gern hätte, geräuschlos über den losen Sand des Hinterhofs. Obwohl ich siebzehn und damit alt genug bin, meine Angst im Zaum zu halten, umklammere ich seine Hand, als wäre sie das einzig Verlässliche auf dieser Welt.

Ich arbeite nicht für sie, hat Darin gesagt. Aber für wen arbeitet er dann? Irgendwie muss er den Schmieden von Serra nahe genug gekommen sein, um in allen Einzelheiten den Herstellungsprozess der kostbarsten Waffe zeichnen zu können, die das Imperium besitzt: des unzerbrechlichen Schimitars, eines Säbels, der mit einem Hieb drei Männer durchhauen kann.

Vor einem halben Jahrtausend mussten sich die Kundigen der Invasion der Martialen geschlagen geben, denn unsere Schwerter zerbrachen an ihrem überlegenen Stahl. Die Martialen hüten ihre Geheimnisse wie Geizkrägen Gold. Jeder, der...

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