Lassen Sie mich in Ruhe - Erinnerungen. Aufgezeichnet von Doris Priesching

Lassen Sie mich in Ruhe - Erinnerungen. Aufgezeichnet von Doris Priesching

von: Erni Mangold, Doris Priesching

Amalthea Signum Verlag GmbH, 2016

ISBN: 9783903083462

Sprache: Deutsch

320 Seiten, Download: 9420 KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

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Lassen Sie mich in Ruhe - Erinnerungen. Aufgezeichnet von Doris Priesching



Zartes Püpplein


Zu meinen Ahnen gibt es nicht viel zu sagen. Ich stamme mütterlicherseits von einem Bauerngeschlecht ab. Aristokratische Bauern – so nannte man das damals –, denn sie waren reich und besaßen große Ländereien. Den Bauern-Großvater Josef mochte ich furchtbar gern. Ich war fünf, als er mir einmal auf den Hintern klopfte, und ich wies ihn empört zurecht: »Großvater, einer Dame klopft man nicht auf den Popo!« Er fand das saukomisch.

Der Großvater war später meine erste Leich’. Damals zeigte man den Kindern ja die Toten noch am Totenbett.

Meine Mutter, 1904 geboren, hatte drei Geschwister, war Pianistin und hieß mit Mädchennamen Groiss. Das kommt vom französischen »croix«: Als die Hugenotten in Frankreich vertrieben wurden, kamen sie bis Großweikersdorf. Also Groiss, Maria, genannt Mizzi.

Väterlicherseits gab es vor mir vor allem Künstler und Lehrer. Mein Großvater, Heinrich Goldmann, war Bildhauer und goss noch Kaiser Franz Joseph in Gips.

Mein Vater, Severin Goldmann, 1887 geboren in Bad Ischl, war eines von sechs Kindern. Die Familie meines Vaters war sehr kreativ. Als Kinder wollten sie Fallschirmspringen und hüpften mit dem Regenschirm vom ersten Stock aus dem Fenster. Es passierte ihnen nichts. Vier Buben und zwei Mädchen.

Er war Lehrer, später Direktor in Großweikersdorf und Maler.

Meine Eltern führten keine sehr gute Ehe. Mein Vater war unglücklich, weil er aus seinem geliebten Oberösterreich wegmusste. Aber er bekam als Lehrer keine Stellung und wurde deshalb ins tiefste Weinviertel geschickt.

Sie lernten sich im Zug kennen. Mizzi fuhr nach Wien, weil sie als Studentin der Musikhochschule in der Akademie aufgenommen wurde. Sie soll eine hoch-hoch-hochtalentierte Musikerin gewesen sein, die sicher eine erfolgreiche Pianistin geworden wäre. Wenn sie nicht genau das getan hätte, was viele Frauen damals taten: Sie heiratete früh, mit 18, gab ihren Beruf auf und förderte ihren Gemahl. Später warf sie ihm das vor. Die Ehe wurde zur Strindberg-Ehe.

Im Ersten Weltkrieg zog mein Vater sich sehr geschickt aus der Affäre. Er war Offizier und verletzte sich beim Sprung über einen Graben am Knie. So ersparte er sich den Einsatz, nicht aber die Verachtung meiner Mutter. Sie fand sein Verhalten grauenhaft und hielt ihn für einen Feigling. Aber er hielt das aus, wohl auch, weil er sie durch den relativ hohen Altersunterschied – meine Mutter war um 17 Jahre jünger als er – nie für ganz voll nahm. Er sah ja mehr ein Mäderl in ihr. »Du verstehst das nicht«, sagte er zu ihr, und damit war die Sache erledigt.

Ich war ja ein so zartes Püpplein! Als Kind bekam ich alle Krankheiten, die es nur gab. Trotzdem denke ich, dass ich insgesamt eine ganz gute Kindheit hatte, was ich hauptsächlich meinem Vater verdanke. Wir fuhren auf Sommerfrische nach Bad Ischl und gingen oft alle zusammen ins Gebirge. Das mochte ich gern, denn ich liebte die Berge sehr. Meinem Vater war das wichtig: »Du darfst die Berge nie verlassen, denn sie sind dein Ein und Alles.« Erst als der Krieg vorbei war, hörten wir mit den gemeinsamen Touren auf.

»Ich wünsche mir zu Weihnachten! Ein Laubsege, ein Spiel, ein Plastilin, ein bar Bücher sie heißen: Heinrich von Eichenfels, Lustige Streiche, Wilde Buben und Mädeln, eine Bäckerei, und einen Christbaum. Viele Grüße an Christkindlein Erni Goldmann«

Er erzog mich »goetheanisch«. Das heißt, ich wuchs wie Klein-Johann-Wolfgang-von auf, dessen Mutter ihrem Sohnemann vorgelesen haben soll. Die Ursprünge dieses Erziehungsstils wurden nie hervorgehoben, ich kam erst als Erwachsene dahinter, als ich in Weimar im Goethe-Museum vor exakt den gleichen Zeichnungen stand, die Goethe zur Unterweisung in Naturkunde verwendet und die mein Vater ebenfalls angefertigt hatte. Er war mindestens ebenso eifrig bestrebt, aus mir eine wohlerzogene Bildungsbürgerin zu machen.

Mit dem Märchenerzählen begann er, als ich zwei war. Dabei nahm er Teile aus Grimms Märchen, oder – das mochte ich noch lieber – er dachte sich seine eigenen aus, die er niederschrieb und mir vorlas. Das Heft ging später irgendwie verloren, aber ich weiß noch, alle diese Geschichten waren wunderschön. Er erzählte sie mir Abend für Abend. Mit 15 wurde ich zu Wilhelm Meister und Faust getrieben.

Ich erhielt so eine seiner Meinung nach vorzügliche Spracherziehung, was ihm nur leider nicht sehr viel nützte. Denn als ich älter war, mit 14 Jahren, legte ich mir als echtes Landkind einen schlimmen Weikersdorfer Bauerndialekt zu. Das störte ihn furchtbar, weil ich doch nach seinen Wünschen Lehrerin werden sollte. Gleichzeitig musste ich seiner Meinung nach dringend etwas gegen meine schlechte Haltung tun – ich hatte nicht nur eine schreckliche Aussprache, sondern hatschte irre. Ich war eine echte Gammlerin.

1938 übersiedelten wir von Großweikersdorf nach Wien in die Rembrandtstraße im zweiten Bezirk. Ich nehme an, es geschah wegen mir. Ich sollte dem schlechten Einfluss der Provinz entkommen und zu einer wohlerzogenen Dame erzogen werden. Doch das war gar nicht so einfach. Meinen Bauerndialekt wollte ich nicht aufgeben, weil ich mich dem Wienerischen nicht anpassen wollte. Ich bestand darauf, anders zu sein, und sei es nur wegen meiner Sprache: »Ich komme von woanders her, ich bin wer anderer, und ich bleibe die, die ich bin.« Ich war tatsächlich stolz auf meinen Bauernslang.

Das störte den Papa. »Die Sprache muss sich erweitern«, sagte er, schon wieder ganz goetheanisch, »es ist gut, wenn sie literarisch gebildet wird.« Er wollte unbedingt, dass ich besser sprechen und gehen lerne, und dachte, in der Großstadt könne er in dieser Angelegenheit mehr erreichen als am Land. Ich machte es ihm nicht leicht, denn es gab lange nichts, wohin er mich hinschicken hätte können, wo ich auch hingegangen wäre.

Mein Vater schlug mich, soweit ich mich erinnere, nur ein einziges Mal: Mit einem kleinen Pracker auf den nackten Popo, allerdings in der Öffentlichkeit – und zwar, weil ich gestürzt war. Er hasste es wie die Pest, wenn ich nicht aufpasste. Ich hatte ausgeprägte X-Haxen und fiel deshalb recht oft um.

Mir persönlich war das egal, denn ich war – wie ich heute zugeben muss – ein eigenartiges Kind. Ich wollte erwachsen sein und glaubte gleichzeitig an das Christkind. Ich hatte einen eingefrästen Gerechtigkeitssinn und versuchte, mit meinem kindlichen Verstand die Konflikte zwischen meinen Eltern zu lösen: »Das ist so und nicht anders richtig, und das solltet ihr so und nicht anders machen!« Unentwegt war ich am Urteilen, Einordnen und Bewerten. Seltsamerweise nahmen sie mich dabei sogar ernst.

Meine Mutter schlug mich, weil sie es nicht duldete, wenn ich zu spät kam: Eine halbe Stunde, und es gab völliges Theater. Genauigkeit war ihr wichtig. Ich mochte meine Mutter natürlich nicht. Nicht, weil sie mich schlug, sondern weil ich zu ihr überhaupt keinen Zugang fand. Ich liebte nur meinen Vater. Weil ich ihn für klüger hielt, und weil mich diese Form der Intelligenz faszinierte, entschuldigte ich alle seine Fehler. Das ist nicht gut, und für diese Einseitigkeit bestrafte mich später das Leben.

Vater-Töchter-Beziehungen sind sehr prägend, und die meine prägte mich in Bezug auf Männer: Ich wählte stets die falschen. Eine Tochter, die zur Mutter eine starke Bindung hat, ist grundsätzlich viel kritischer und wird nie diese Abhängigkeit von Männern haben. Ich war emanzipiert in meinem Job, aber ich war nie emanzipiert als Mädchen und sehr lange nicht als Frau. Ich war eine Gefalltochter, eine Protesttochter, eine Leistungstochter, alles das konnte ich wunderbar. Ich redete mir ein, dass mein Vater mich akzeptierte und war überglücklich. Dabei akzeptierte er Männer stets mehr als mich und hielt Freundschaften mit meinen Partnern, selbst nachdem ich schon lange Schluss gemacht hatte. Als ich heiratete, sagte er bei der Hochzeitsrede: »Gott sei Dank habe ich jetzt keine Verantwortung mehr.« Ich erschrak über diese Worte und dachte mir: Öha! Ich lief hinter der Liebe meines Vaters her und wusste es noch nicht einmal.

Erst ein Jahr vor ihrem Tod gelang es meiner Mutter, mir die Liebe zu zeigen, die ich nie gespürt hatte. Erst da kam ich dahinter, dass es ihr nicht anders gegangen war als mir: Sie hatte die Liebe ihrer Mutter nie bekommen und war deshalb offenbar nicht fähig, sie weiterzugeben.

Es passierte, als ich merkte, sie quält mich nicht mehr. Ich hatte immer die Vorstellung, meine Mutter wird mir riesige Schwierigkeiten machen, wenn sie stirbt. Aber es wurde ganz anders. Ich kaufte ihr eine kleine Wohnung neben meiner, und sie war damit zufrieden. Ich war keine Opfertochter und wollte nie – nie! – eine werden. Ich finde...

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