Klassenkomposition, Migrationshintergrund und Leistung - Mehrebenenanalysen zum Sprach- und Leseverständnis von Grundschülern

Klassenkomposition, Migrationshintergrund und Leistung - Mehrebenenanalysen zum Sprach- und Leseverständnis von Grundschülern

von: Nicole Bellin

VS Verlag für Sozialwissenschaften (GWV), 2008

ISBN: 9783531913599

Sprache: Deutsch

219 Seiten, Download: 1000 KB

 
Format:  PDF, auch als Online-Lesen

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Klassenkomposition, Migrationshintergrund und Leistung - Mehrebenenanalysen zum Sprach- und Leseverständnis von Grundschülern



1 Einleitung (S. 19)

Bereits in den 1970er Jahren konstatierte Preuß bezüglich sozialer Ungleichheit im Bildungssystem:

„(…) daß es unter den gegebenen Bedingungen noch lange nicht ausreicht, ein begabter Schüler zu sein, ja noch nicht einmal, auch die erforderlichen charakterlichen Eigenschaften... vorweisen zu können, um die weiterführenden Bildungsinstitutionen mit Erfolg zu durchlaufen. Vielmehr (bedarf) (...) es dabei der motivierenden Rückendeckung und hilfreichen Unterstützung durch das Elternhaus (...), womit gerade Unterschichtfamilien überfordert sind" (Preuß, 1970, S. 77).

Die Ergebnisse des Programme of International Student Assessment der OECD (vgl. u.a. Baumert &, Schümer, 2001) haben bezüglich des Bildungserfolgs von Schülerinnen1 und Schülern unterschiedlicher Sozialschichten und für Schüler mit Migrationshintergrund verdeutlicht, dass es dem Bildungssystem seither nicht gelungen ist, diesen Schülergruppen eine angemessene Bildungsteilhabe zu ermöglichen.

Der Zusammenhang zwischen Sozialstatus bzw. auch Migrationshintergrund und Kompetenzerwerb konnte auch für den Grundschulbereich durch die IGLU-Studie belegt werden (vgl. Bos, Lankes &, Prenzel, 2004). Darüber hinaus weisen Reanalysen der Mikrozensen darauf hin, dass die Verhältnisse bezüglich der Bildungschancen zwischen den Sozialschichten über die Zeit ebenfalls relativ stabil geblieben sind, insbesondere in Hinblick auf den Zugang zum Gymnasium (vgl. Schimpl-Neimanns, 2000).

Für das Bildungssystem stellt sich die Frage der Bildungsteilhabe dringender denn je, denn unter Bezugnahme auf das Migrationskonzept wird deutlich, dass mehr als ein Viertel der Schüler einen Migrationshintergrund haben und es darüber hinaus eine Vielfalt von Migrationskonstellationen gibt, die es zu berücksichtigen gilt (vgl. Avenarius u.a., 2006).

Kinder mit Migrationshintergrund können somit nicht als eine homogene Gruppe aufgefasst werden. Für die Analyse von Disparitäten ist zusätzlich eine differenzierte Betrachtung nach Herkunftsgruppen und auch Regionen erforderlich, da sich die Zusammensetzung und Bildungsteilhabe der jeweiligen Migra- tionspopulation auf Stadt- und Bundeslandebene beziehungsweise zwischen den Bundesländern unterscheidet (vgl. Hunger &, Thränhardt, 2004).

Ethnische Schichtung, demnach vertikale ethnische Ungleichheiten, sind gekennzeichnet durch den systematischen Zusammenhang zwischen ethnischen und kulturellen Merkmalen und Ungleichheiten in Bildung, Einkommen sowie dem Zugang zu zentralen gesellschaftlichen Institutionen (vgl. Esser, 2001).

In der Reproduktion von Bildungsungleichheiten2 übernehmen schulische Leistungen eine wichtige Vermittlungsgröße (vgl. Ditton, 2004). Sofern also systematische Bildungsbenachteiligungen abgebaut werden sollen, ist das Schulsystem gefordert, auf die vorhandene Heterogenität innerhalb der Schülerschaft bezüglich der Bildungsvoraussetzungen und individuellen Ressourcen einzugehen.

Um zu bestimmen, inwieweit schulische Disparitäten von Kindern mit Migrationshintergrund überhaupt als Benachteiligung aufgefasst werden können, ist es notwendig, die Ursachen von schulischen Leistungsunterschieden näher zu betrachten.

In der einschlägigen Forschung, die seit den Ergebnissen der ersten international vergleichenden Schulleistungsstudien wieder verstärkt an Aufmerksamkeit gewinnt, werden mehrere Erklärungsansätze für die Disparitäten in den schulischen Leistungen von Kindern mit und ohne Migrationshintergrund diskutiert, wobei unterschiedliche Ebenen (Individuum/ Schulsystem) betrachtet werden.

Als Einflussfaktoren für die geringeren schulischen Leistungen werden in der Literatur am häufigsten sozioökonomische, soziokulturelle und schulorganisatorische Merkmale angeführt. Kindern aus sozial schwachen Familien und aus Familien mit Migrationserfahrungen verfügen oftmals nicht über die Ressourcen, welche für den schulischen Erfolg notwendig wären.

Darüber hinaus sind Unterricht und Schulorganisation so ausgerichtet, dass bestimmte Fähigkeiten und Fertigkeiten der Schüler bereits vorausgesetzt werden. Eine zweite Argumentation bezieht sich auf die Struktur des Bildungswesens, indem zu einem frühen Zeitpunkt bereits eine Selektion und die Aufteilung auf die verschiedenen Schulformen erfolgt.

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